Glückseligkeit, nach der wir streben...

Eines der Hauptelemente der Lehren Buddhas liegt in der Bedeutung des inneren Weges. Was wir auch immer für äussere Entwicklungen durchmachen in dieser Welt oder was für wunderbare Dinge wir in ihr sehen mögen, ohne eine entsprechende innere Entfaltung werden wir Glückseligkeit, nach der wir streben, nie erlangen. In dem Masse jedoch, in dem es uns gelingt, den inneren Weg zu gehen, ein warmes Herz für andere zu haben und Ruhe für unseren Geist zu finden, liegt die wahre Hoffnung für Frieden und Freude in der Welt.

 

( Dalai Lama )


Innere Grenzen

Unsere inneren Grenzen bestehen aus alten Prägungen, seelischen Verletzungen, vorgefertigten Vorstellungen oder aus tief sitzenden Unsicherheiten. Sind wir an unsere Grenze gekommen, dann geht es nicht weiter. Wir spüren Hilflosigkeit, Ohnmacht, Leerheit oder große Abwehr. 

Dann ziehen wir uns zurück, versuchen andere Menschen zu verändern, manchmal hoffen wir auch still und handlungsunfähig auf Besserung, greifen unseren Gegenüber an oder lassen alles an uns abperlen, ziehen lieblose Konsequenzen, wollen bestrafen, kontrollieren oder manipulieren. Dies sind Momente, in denen wir oft nicht erkennen können, dass es unsere eigenen inneren Grenzen sind, an die wir schmerzhaft gestoßen sind. Oft machen wir dann andere Menschen für unseren Schmerz, für unsere Ängste oder für unser Unvermögen verantwortlich oder wir werden hart und gnadenlos mit uns selber.

Wir legen es normalerweise nicht freiwillig drauf an, an unsere Grenzen zu stoßen. Es passiert einfach immer wieder. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir sogar zahlreiche Strategien, um unser Überleben zu sichern. Wir beschützen unsere Begrenzungen, indem wir andere abwerten, uns überhöhen, uns an Standpunkte klammern oder Nähe meiden. Auch Gefühle, Begegnungen, Veränderungen und Lösungen werden verhindert oder wir kappen einfach nur die Verbindung zu uns selbst. 

Wir bleiben gern in unserer sicheren Zone. Hier fühlen wir uns wohl und aufgehoben. Und doch passiert es immer wieder, dass wir an Menschen oder in Situationen geraten, die uns unerwartet schnell an unsere Grenzen bringen. Es ist sogar so, dass solche Menschen und Situationen eine unwiderstehliche Anziehung auf uns haben können. 

Sind wir an unsere Grenzen geraten, dann ist das meist sehr unangenehm und wir wehren uns instinktiv dagegen. Diese Abwehr kann viel Energie verschlingen, verzehrt unsere Klarheit und raubt unsere Zuversicht. Obwohl wir in diesen Momenten eigentlich unsere ganze Wachheit und Liebe brauchen, werden wir eher eng und mißtrauisch. 

Hinter unseren Grenzen wartet etwas Neues auf uns. Ein neues Lebensgefühl und die Begegnung mit uns selbst. An unseren Grenzen brauchen wir viel Bereitschaft zum wachsen und reifen, sonst werden wir einsam, bleiben unentwickelt, machen keine neuen Erfahrungen mehr oder nur solche, in denen sich alles verschlimmert.

An unserer Grenze erfahren wir uns selbst

Innere Grenzen haben nichts mit der Abgrenzung, die wir im Alltag brauchen, zu tun. In unseren Begrenzungen sind wir vielmehr Gefangene unseres Selbstes. Bringt uns jemand an unsere Grenzen, dann ist dies immer eine Aufforderung, diese zu dehnen und zu weiten. An solchen Punkten in unserem Leben geht es immer darum, etwas loszulassen, uns zu fühlen oder etwas zu erkennen. Dies ist jedoch nicht so leicht, da unsere Selbstschutzstrategien uns augenblicklich beschützen werden, sobald wir hier in Gefahr sind. 

Es sind die Menschen, die uns nahe stehen, deren meist die Aufgabe zufällt, uns an unsere Grenzen zu bringen und gerade das macht es oft so problematisch. Entweder wir werden diese Menschen nicht los, weil es unsere Kinder, Eltern oder Partner sind oder wir haben es geschafft, sie zu verlassen, jedoch ohne vorher gewachsen zu sein, dann kommen sie zurück. Entweder persönlich oder in Form einer anderen Person. Alle Menschen, die es schaffen, uns an unsere Grenzen zu bringen, sind in Wirklichkeit ein Segen für uns. Natürlich wird dies selten so empfunden. Sie kommen uns eher vor wie Folterknechte: lästig, unbequem, unangenehm, bedrohlich, störend, verwirrend und abstoßend. 

Würde es diese „unliebsamen“ Menschen nicht geben, dann gäbe es für uns kaum eine bessere Möglichkeit, zu wachsen, zu reifen und zu lernen. Wir würden uns weiterhin in unseren bequemen, bekannten und behaglichen Grenzen bewegen und niemals erfahren, was wir darüber hinaus sind. Uns würde die Erfahrung entgehen, weiter und liebesfähiger zu sein, kraftvoller und klarer oder begabter, einzigartig und kreativ. 

Jede innere Grenze hält uns davon ab, mehr wir selbst zu sein. Innerhalb unserer Begrenzungen muss es uns nicht unbedingt gut gehen, doch das spielt keine große Rolle. Viel entscheidender ist es, dass es uns vertraut ist, wie ein gemütliches zu Hause und deshalb halten wir daran fest. Wir kennen es so und nicht anders. Das ist auch nicht verkehrt. Wir wissen oft nur nicht, dass außerhalb unserer Grenzen noch viel mehr auf uns wartet. Etwas, das immer zu uns gehören wird, ob wir es nun kennen, sein und leben wollen oder eben nicht. Das, was wir alles über unsere Begrenztheit hinaus noch sind, wird nie verschwinden, auch wenn wir es nie entdecken. 

Wenn wir dahin kommen wollen, mehr von uns selbst zu erfahren, dann müssen wir breit sein, unsere Grenzen zu überwinden. Dafür sind Grenzen da. Wissenschaftler haben schon längst erkannt: das Universum dehnt sich aus. Wir Menschen sind ein Teil dieses großen Ganzen. Auch wir dehnen uns aus. Diese Ausdehnung ist ein natürlicher Vorgang, den wir jedoch mit unseren Grenzen permanent verhindern. Das Weiten unserer inneren Begrenztheit ist immer ein besonderer Moment. Nicht selten ist er damit verbunden, dass alte verdrängte Gefühle in uns aufsteigen, wir das Gefühl des Sterbens haben, vollkommen Ohnmächtig werden oder Hilflosigkeit und Leere sich in uns breit machen. Alles bricht zusammen, es erscheint aussichtslos, dunkel, langweilig, wir leiden, fühlen uns einsam und abgeschnitten. Wir Menschen meiden solche Zustände meist, wie der Teufel das Weihwasser. Oftmals wissen wir einfach nicht, dass solche Umstände zu unseren Übergängen gehören. Wie der Schmerz zur Geburt gehört und die Nacht zum Tag.

Ohne Grenzen sind wir alles 

Turbulente Grenzerfahrungen können uns bis an unser Lebensende verstört, verängstigt und gebrochen zurücklassen. Ohne das Wissen darum, dass diese Ereignisse dafür da sind, darüber hinaus zu wachsen, können sie uns verstärkt an unsere Begrenzungen fesseln. Nicht selten klammern wir uns dann an Überlebensstrategien, die wir ohne Hilfe und Halt von außen nicht wieder loslassen können. 

Menschen, die es jedoch geschafft haben ihre Grenzen zu weiten, die tapfer durch die eine oder andere Hölle gegangen sind, erleben eine interessante Veränderung. Neben den Geschenken der inneren Heilung und der Erfahrung von Liebe, Macht und Kreativität, die sie ohnehin erhalten, werden auch die Übergänge leichter. Der Schmerz wird sanfter, die dunklen Nächte kürzer, die innere Leere wird getragen von Vertrauen und Freude auf das Neue und das Loslassen fällt leichter. Krisen werden zu Chancen. Menschen, die uns auf die Palme bringen und uns fertig machen, werden zu unseren Lehren. Situationen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, werden zu Möglichkeiten, größer und reifer zu werden. Und wenn das Leben uns wie eine Sackgassen erscheint, wissen wir, dass es mal wieder Zeit ist, uns weiter zu entwickeln.

Wir Menschen sind nicht das, was uns begrenzt. Wir sind die Ausdehnung. Es gibt hier kein Ankommen. Wenn wir denken, dass wir es geschafft haben, fertig sind oder es erreicht haben, dann werden wir bald feststellen, dass es nur wieder eine weitere Begrenzung ist, in der wir uns einrichten wollen. Der Wunsch, irgendwo anzukommen, auszuruhen, mit alledem fertig zu sein, ist in uns Menschen groß. Auch das Bedürfnis nach dem anhaltenden Glück und der immer währende Liebe, nach Sicherheit und Geborgenheit schlummert in unserem Inneren. Es muss doch einen Punkt geben, an dem dies ununterbrochen möglich ist. Diese erfüllenden Zustände können wir durchaus immer mal erleben, doch sie sind endlich. Sie gehen immer wieder vorüber. Das unendliche Glück, die anhaltende Liebe, die absolute Sicherheit und die tiefste Geborgenheit existieren dort, wo es keine Grenzen gibt. Unendliches, also all das, was immer da ist, hat keine Grenzen. Solange es Begrenztheit gibt, existiert auch Endlichkeit.

Wunderbar glückliche leichte und befreite Zustände machen sich meist in uns breit, wenn wir mal wieder eine innere Grenze überwunden haben. Doch schon bald regt sich das Bedürfnis in uns, diese festhalten zu wollen, sie an uns zu binden und sie für uns in Anspruch zu nehmen. Wir wollen einen Nutzen daraus ziehen. Manchmal erleben wir auch, dass diese wunderbaren Zustände einfach wieder verblassen und sich mit bekannten begrenzenden Mustern mischen. Wie es auch kommt, wir Menschen neigen dazu, uns immer wieder zu begrenzen. Allein schon aus dem Grund, weil wir uns auf diese Weise menschlich fühlen. Ohne Grenzen wären wir alles. Wir wären allumfassende, bedingungslos liebende Wesen, hätten alles Wissen in uns und wären unsterblich. Wir nehmen uns für gewöhnlich nicht auf diese Weise wahr. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass wir es nicht sind. 

Grenzen haben, heißt menschlich sein. An Grenzen stoßen ist menschlich. Grenzen zu meiden ebenfalls. In Grenzerfahrungen zu sein, Grenzen zu weiten und diese auszudehnen, sich zu entfalten, zu reifen, zu lernen und immer größer zu werden ebenso. Ohne Grenzen gibt es den Menschen nicht mehr. Kein Ich, kein du und auch kein wir. Das gibt es nur durch Begrenztheit. 

Grenzen sind etwas zutiefst menschliches. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Durch sie können wir viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Vom tiefsten Leid bis zur höchsten Selbstwerdung. Ohne Grenzen gäbe es nur endlose Weite und Leere. Deshalb sind unsere Begrenzungen nicht dafür da, um vernichtet oder aufgehoben zu werden. Durch unsere Grenzen sind wir jemand. Ohne sie sind wir nur da. Nur da zu sein, ist das Größte, was wir erfahren können. Auch wenn dies einen unendlich langweiligen Eindruck auf uns macht, ist es tatsächlich das Höchste, Beste und Schwierigste, was es zu erreichen gibt. Mehr nicht. Danach gibt es nichts mehr. Sind wir im Sein aufgegangen, dann ist Schluss mit jeglicher Erfahrung. Bis dahin können wir jedoch mutig und fröhlich mit unseren Grenzen spielen. Lust entwickeln, mehr von dem zu sein, was wir sind. Uns weiten und ausdehnen. Wieder tief hinabsteigen, eng und finster werden. Darüber hinaus wachsen, Erfahrungen machen und alles, was wir sind mit anderen teilen. Für andere da sein, gemeinsam wachsen und immer wieder einfach nur da sein. 

Und keine Angst, bei alledem, kann es uns niemals wirklich an den Kragen gehen. Das, was wir sind, ist unveränderlich immer da. Es sind die Grenzen, die einfallen, denen zu Leibe gerückt wird und die vernichtet werden können, niemals das, was wir sind. Wenn wir allerdings glauben, dass wir die Grenzen sind und nicht das, was sich in der Begrenztheit erfährt, dann kann das sehr beängstigend werden. Dann sieht es so aus, als könnten wir zerstört werden und müssen uns natürlich bewachen und verteidigen.

(Quelle:http://www.systemische-praxis-potsdam.de/judithmuecke/2017/09/innere-grenzen/)


Den Boden bereiten….

 

...Vielleicht stellt sich die Frage, was wir im Leben wollen, was wir gerne hätten, wie es für uns persönlich sein sollte. Oder, was ist überhaupt der Sinn des Lebens, meines Lebens?.Die Frage aller Fragen.

Nun mag sich diese Frage nicht unbedingt jeder stellen, denn es kommt darauf an wie zufrieden wir in unserem Leben sind. Wenn wir bereits selig und glücklich und zufrieden durchs Leben gehen, müssen wir auch nichts ändern. Erst wenn wir uns nicht mehr wohl fühlen, werden wir uns diese Fragen stellen. Wenn der innere Druck zu gross wird, werden wir uns vielleicht auf den Weg begeben, und anfangen zu suchen.  

Es geht um Authentizität, jeder Mensch sollte authentisch leben können, das sinngebendste und wertvollste was es gibt.

 

Um etwas neues zu beginnen, braucht es zum einen die richtige Motivation, zum anderen die richtige, gute Voraussetzung.

Was kann gutes aus einem Chaos entstehen? Wie soll etwas neues, fruchtbares und stimmiges entstehen, wenn der Boden, die Grundlage nicht vorhanden ist?

Aus der Not heraus, aus einem Zwang heraus, aus einer Vorstellung heraus, die einem einflüstert, wie etwas sein sollte? Das kann nicht die richtige Ausgangsposition für Selbstentfaltung und ein sinnvolles, zufriedenes Leben sein. Wenn es aus Freude, aus Leidenschaft, aus einer positiven Motivation heraus entstehen kann, wird es auch Freude und Glück bringen.

So braucht es zuerst gut vorbereiteten Boden, so, wie wenn man eine Pflanze sät, der Boden muss fruchtbar und gut vorbereitet sein, damit wir den Samen säen können und daraus eine gesunde und schöne Pflanze heranwächst.

Auch nicht „müssen“, sondern wollen, wäre eine solche Voraussetzung. Wie oft meinen wir, etwas anstreben zu müssen, und spüren innerlich ein Unwohlsein, weil wir eigentlich etwas anstreben, was unserem inneren, unserem ureigenen Wesen gar nicht entspricht. Oft kommen solche falschen Vorstellungen wie etwas sein sollte von aussen. Es wird uns vorgeschrieben, was wir sein sollten, was uns glücklich und vor allem erfolgreich macht. was gesellschaftlich korrekt und anständig ist. Bis wir merken, das wir so gar nicht sind oder fühlen. Vielleicht sogar die Frage stellen, ob mit uns etwas nicht stimmt, uns als Aussenseiter oder wie von einem anderen Stern vorkommen. Dazu kommen all die Vorstellungen und Ansprüche. Und auch die inneren Zweifel, die einem bremsen, und angeschaut werden wollen. Kann ich das, darf ich das, bin ich gut genug, wozu überhaupt, was nützt das…? Wir ertappen uns vielleicht dabei, dass wir bereits selber gewisse Vorstellungen und Glaubenssätze wie es sein sollte übernommen haben.-

 

Aber was will ich, ich, ganz frei von all dem? 

 

Schauen wir nach innen, nehmen wir Verbindung zu unserem Herzen auf, erlauben wir uns, das anzunehmen und anzusehen was da drinnen ist, und darauf wartet "gesät" zu werden...

Werden wir authentisch...

 

c.o.

 

 

 

 

 


Seelenplan...


 

 

 

 

 

 

 

„Nur wer Fragen hat, wird sich auf die Suche nach Antworten begeben.“

 


Seelenwunden heilen...

In der ersten Etappe nach der Geburt sind wir noch wir selbst: Göttliche Wesen, die sich selbst erfahren wollen. 
In der zweiten Etappe leiden wir – meist unbewusst – an der Erkenntnis, dass wir nicht so sein dürfen, wie wir sind, da die Welt der Erwachsenen um uns herum dies nicht akzeptiert. 
In der dritten Etappe lehnen wir uns gegen die Eltern auf und werden wütend. In der vierten Etappe schließlich resignieren wir angesichts der mangelnden Resonanz auf unsere Bedürfnisse und entschließen uns dazu, eine Überlebensstrategie (Maske) zu entwickeln, um die Liebe zu den Eltern nicht zu verlieren und um den Schmerz nicht mehr zu spüren, der dadurch verursacht wird, nicht mehr wir selbst sein zu dürfen.

Autonomie und Verbundenheit

Je nach Therapieschule gibt es eine verschieden große Anzahl an Seelenwunden, die wir uns im Laufe der Kindheit dadurch erwerben, dass unsere Eltern uns „erziehen“ und nicht feinfühlig genug auf unsere Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit achten.

Zusammen mit der Autorin Vivian Ditttmar („beziehungsweise“) bin ich der Meinung, dass jeder Mensch zwei Hauptwunden in sich trägt:

  1. Die Verlassenheitswunde
    Zum einen gibt es die Verlassenheitswunde, die dem Kind zu großen Raum lässt und zu weite Grenzen setzt. Sie entsteht durch Vernachlässigung, Verlust und Abwesenheit von wichtigen Bezugspersonen, zu wenig Zuwendung und Gefühlskälte, zu wenig Unterstützung und leeren Versprechungen. Aus dieser Wunde, die das Bedürfnis nach Verbundenheit frustriert, entsteht der Glaubenssatz „Ich bin getrennt“.
  2. Die Vereinnahmungswunde
    Zum anderen gibt es die Vereinnahmungswunde, die dem Kind zu wenig Raum lässt und zu enge Grenzen setzt. Die Vereinnahmungswunde entsteht durch Kontrolle, emotionale und körperliche Gewalt, durch Überbehütung und Bevormundung, durch Erpressung und Beschämung. Aus dieser Wunde, die das Bedürfnis nach Autonomie frustriert, entsteht der Glaubenssatz „Ich bin wertlos“. 

Beide Wunden haben gravierende Folgen für unser Beziehungs- und Sozialleben und ziehen Überlebensstrategien nach sich.

Die Überlebensstrategie

Die Überlebensstrategie hilft uns, uns vor dem Schmerz und der Scham zu schützen, nicht mehr wir selbst sein zu dürfen. Es gab unzählige Situationen in der Kindheit, wo wir uns abgelehnt, verlassen, verraten, gedemütigt oder ungerecht behandelt fühlten. Die Stärke der Überlebensstrategie hängt von der Tiefe der Wunde ab und steht für ein ganzes Glaubens- und Verhaltenssystem, dass sich auch auf der Körperebene niederschlägt.

Im Folgenden beziehe ich mich auf die Unterteilung in fünf Seelenwunden nach Lise Bourbeau:

  1. Die Wunde der Ablehnung
  2. Die Wunde der Ungerechtigkeit
  3. Die Wunde Verlassenwerden
  4. Die Wunde Vertrauensbruch
  5. Die Wunde der Demütigung

Die fünf Seelenwunden von Lise Bourbeau sind eine Ausdifferenzierung der zwei Hauptwunden Vereinnahmung und Verlassenheit. Die Wunden der Ablehung, der Ungerechtigkeit und der Demütigung sind auf die Wunde der Vereinnahmung zurückzuführen, die Wunde des Vertrauensbruch und die Wunde des Verlassenwerden gehen auf die Wunde der Verlassenheit zurück.

Die Seelenwunde Ablehnung mit der Überlebensstrategie Flucht

Die Wunde der Ablehnung entsteht am frühesten von allen Wunden, vielleicht schon im Bauch und im ersten Lebensjahr. Sie ist deshalb auch am tiefsten und am schwierigsten zu heilen. Da das Gefühl, nicht existieren zu dürfen, am schmerzhaftesten ist, resultieren daraus die stärksten Überlebensstrategien, die häufig in Glaubenssätzen wie „Ich bin wertlos“ oder „Ich mache mich unsichtbar“ ausgedrückt werden. Mögliche Gründe für die Ablehnung: Ich bin ein unerwünschtes Kind oder habe nicht das gewünschte Geschlecht. So ging es mir. Nach dem Tod meiner Schwester, die schon nach drei Monaten an einem unheilbaren Darmverschluss gestorben ist, wollten meine Eltern unbedingt wieder ein Mädchen, bekamen aber einen Jungen. Dieser Junge war ich. Ich schätze mal, dass ich den Cocktail aus Ängsten, Sorgen, Trauer und Wut, den meine Eltern während der Schwangerschaft mit mir empfunden haben mussten, voll abgekommen habe.

Um diesen schlimmen Gefühlswirren zu entkommen, habe ich schon versucht, mir mit der Nabelschnur das Leben zu nehmen, bin aber gerettet worden. Ich habe mir daraufhin die Überlebensstrategie der Flucht zugelegt mit dem Gefühl, nicht existieren zu dürfen, mich für wertlos zu halten und unsichtbar sein zu wollen. Ich habe 1000 Vermeidungsstrategien entwickelt, fühlte mich hin und her gerissen zwischen tiefer Liebe und mörderischer Wut. Meine größte Angst war die Panik (also die Angst vor der Angst), die sich in Form von Platzangst, Höhenangst, Soziophobien oder generalisierter Angststörung bemerkbar machte. Ich bekam verschiedene Allergien und Asthma.

Die Seelenwunde Ungerechtigkeit mit der Überlebensstrategie Erstarrung

Weil ich die Wunde der Ablehnung („ich bin nichts wert“) nicht ausgehalten habe, begann ich mich dagegen aufzulehnen und wurde ein „aufsässiges, renitentes, widerspenstiges“ Kind und tat immer das Gegenteil von dem, was von mir verlangt wurde. Das wiederum rief meine Eltern auf den Plan, die noch autoritärer, dominanter und strenger wurden, mich dauernd kontrollierten und mich bestraften. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und so entwickelte ich ab dem vierten Lebensjahr eine neue Wunde, die der Ungerechtigkeit.

Aus der Überlebensstrategie Flucht (wo immerhin noch ein wenig Bewegung drin war und ich mich noch spüren konnte) wurde die Überlebensstrategie Erstarrung, wo gar keine Bewegung mehr möglich war und ich gar nichts mehr spüren konnte. Gar nichts mehr zu spüren schien mir damals immer noch besser als mich dauernd wütend, schlecht und wertlos zu fühlen. Meine Asthma-Anfälle waren zu dieser Zeit sehr häufig und oft lebensbedrohlich und aus meiner heutigen Sicht die damals einzige Möglichkeit für mich, die Gefühlskälte der Eltern zu durchbrechen.

Die Seelenwunde Verlassenwerden mit der Überlebensstrategie Abhängigkeit

Die Wunde des Verlassenwerdens tritt zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr auf und ist nach der Wunde der Ablehnung die zweittiefste Wunde. Mögliche Gründe für das Verlassenwerden: Die Mutter kümmert sich mehr um ein weiteres Kind, beide Eltern oder ein Elternteil haben wenig Zeit für das Kind, längere Aufenthalte im Krankenhaus oder Krankheitsphasen der Mutter.

Bei mir wurde die Wunde ausgelöst durch längere Reisezeiten meiner Mutter, die bis zu sechs Monaten mit meinem Vater auf dem Schiff fuhr, auf dem er Kapitän war. Ich habe in dieser Zeit die Überlebensstrategie der Abhängigkeit entwickelt, fühlte mich als hilfloses Opfer der Umstände, klammerte mich an meine Bezugspersonen und lebte in der ständigen Angst vor Einsamkeit. Später lebte ich wie mit meiner Mutter in symbiotischen Beziehungen und brauchte viel Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Die Seelenwunde Vertrauensbruch mit der Überlebensstrategie Kontrolle

Die Wunde des Vertrauensbruchs hängt eng mit der Wunde des Verlassenwerdens zusammen und wird passiv durchlebt. Sie ist durch eine große Traurigkeit geprägt, die den tiefsten Wesenskern erfasst und immer wieder ausbricht, wenn sie getriggert wird.

Wenn meine Mutter zwischen ihren Reisen zu Hause war, hatte ich das Gefühl, von ihr verraten worden zu sein. Immer wieder gab es leere Versprechungen, dass sie jetzt immer für mich da ist und nicht mehr weg fährt. Da sie dann doch immer wieder zu meinem Vater auf das Schiff fuhr, entwickelte ich die Wunde des Vertrauensbruchs und begann mich emotional zu verschließen. In der Überlebensstrategie der Kontrolle bin ich ungeduldig und intolerant geworden, habe angefangen zu lügen, zu manipulieren und zu verführen. Ich begann mich über gute Leistungen zu definieren, zeigte meine Verletzungen nicht mehr, vertraute mich nur schwer an, war skeptisch und entwickelte einen Hang zum Witzbold, der zu Übertreibungen neigte, um meine größte Angst zu verbergen: Die Angst vor der Trennung.

Die Seelenwunde Demütigung mit der Überlebensstrategie Unterwürfigkeit

Die Wunde der Demütigung ist eine Spielart der Wunde der Vereinnahmung und kommt ins Spiel, wenn die Eltern als Erziehungsmaßnahmen mit Scham und Schuld arbeiten. Mögliche Gründe für die Demütigung: Die Eltern schämen sich dafür, dass das Kind so schmutzig ist oder etwas Schlimmes angestellt hat, vor allem im Zusammenhang mit dem Toilettengang und der Sauberkeitserziehung. Auch im Bereich der Sexualität kann es zur Demütigung kommen, wenn die Eltern sich ihrer Nacktheit schämen oder dem Kind das Doktorspielen verbieten. Das erste Auftauchen der Wunde findet zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr statt. In der Überlebensstrategie der Unterwürfigkeit schämen wir uns für selbst und andere, halten uns für schmutzig, herzlos, schweinisch und unterlegen.

Bei mir war es so, dass ich mich nicht schmutzig mache durfte und in einer aseptischen Umgebung gehalten wurde, weil ich ja eine Hausstauballergie hatte und an Schmutz sterben konnte. So entwickelte ich eine große Angst vor der Freiheit und dem freien Selbstausdruck, die ich mit Schrankenlosigkeit und Gier und Wolllust gleichgesetzt habe (alles Todsünden!), weshalb ich mir selbst Zwänge auferlegt habe, um nicht über die Stränge zu schlagen. Mein Essverhalten war dementsprechend gestört, ein unbeschwerter Essgenuss ohne Schuldgefühle und Scham war mir nicht möglich.

Seelenwunden in der Beziehung

Wenn ich mein Beziehungsleben Revue passieren lasse, dann gab es verschiedene Beziehungs-Phasen, in denen unterschiedliche Seelenwunden aktiv waren. Zunächst wurde mir meine Wunde der Verlassenheit bewusst. Als ich zwischen 20 und 40 Jahre alt war, führte ich einfach meine symbiotischen Beziehungen mit meinen Partnerinnen fort, die ich schon mit meiner Mutter geführt hatte. Mein Glaubenssatz war „Ich tue alles, damit du mich nicht verlässt. Und wenn du mich verlässt, dann sterbe ich.“ Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich in den 80er Jahren unsterblich meine Freundin Katja geliebt habe. Ich richtete mein ganzes Leben nach ihr aus und vernachlässigte Freunde, Hobbys und Studium. Als ich erfuhr, dass sie mich schon jahrelang betrogen hatte und sie einfach so – ohne Erklärung – Schluss machte, war ich so traumatisiert, dass ich die Wirklichkeit ignorierte und mich noch wochenlang apathisch dort aufhielt, wo wir zusammen glücklich waren. Ich hatte die Hoffnung, ich wache aus einem bösen Traum auf und alles ist wieder gut. Es wurde aber nicht wieder gut, und so schmiss ich mein Studium kurz vor dem Magister, zog in eine andere Stadt, machte eine kaufmännische Ausbildung und erholte mich allmählich von dem Schock.

Einige Jahre später erlebte ich zum Glück eine Beziehung, die mich stabilisierte. Das ging einige Jahre gut, bis Isabell krank wurde und anfing, paranoide Wahnvorstellungen zu entwickeln und krankhaft eifersüchtig wurde. Ich wurde überwacht, ständig angerufen und mit Unterstellungen bombadiert, ich würde mich heimlich mit anderen Frauen treffen. Nichts davon war wahr, und ich wusste nicht, wie ich meine Freundin von der Wahrheit überzeugen konnte. Hilflos musste ich mit ansehen, dass Isabell in ihrer Fantasiewelt versank. Außerdem hielt sie mir gnadenlos den Spiegel vor, denn vor einigen Jahren war ich genauso symbiotisch drauf und wäre wahrscheinlich auch in Wahnvorstellungen verfallen, wenn Katja mich nicht verlassen hätte. Ich machte meinerseits Schluss mit Isabell und schwor mir damals Ende der 90iger Jahre, nie wieder eine so abhängige, symbiotische Beziehung zu führen, die mich schließlich in die Depression trieb.

Nachdem ich die Wunde der Verlassenheit und die Abhängigkeit ausführlich erfahren und bis zum letzten Tropfen ausgekostet hatte, rückte die Wunde der Vereinnahmung und das Bedürfnis nach Autonomie in meinen Fokus. Es begann alles nach einem mehrmonatigen Klinikaufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, wo ich eine mittelschwere depressive Episode behandelte. Danach beschloss ich, von Schleswig-Holstein nach Bayern zu ziehen und unabhängig zu werden: Von meinen Eltern, von den Frauen im Allgemeinen und von den Strukturen in hierarchischen Verlagen. Ich machte mich als Journalist selbstständig, machte eine Ausbildung zum Gestalttherapeuten und lebte nach dem Glaubenssatz: „Ich brauche niemanden, um glücklich zu sein.“ Die Wunde der Vereinnahmung trieb mich von einer unglücklichen Beziehung in die nächste, entweder lehnte ich die Frau nach kürzester Zeit ab oder die Frau mich. Ich war ständig auf der Flucht vor zuviel Nähe, und auch bei dieser Wunde half mir ein heilsamer Schock, in meinem Treiben innezuhalten und mich reflektierend zu beobachten. Eine Frau lehnte mich so sehr ab – genau wie ich sie oder ich mich – dass sie mich mit hasserfüllter verzerrter Miene anschrie: „Ich hasse dich und ich lehne dich zu 90 Prozent ab. Und die restlichen 10 Prozent will ich nicht fühlen.“ Ich schrie zurück: „Und ich hasse dich noch viel mehr.“ Nach dieser Erfahrung unterzog ich mich einer längeren Therapie, um mir meine Wunden genau anzuschauen.

Dynamisches Gleichgewicht

Nachdem ich bis heute beide Wunden bis ins Extrem erforscht habe, bin ich jetzt offen für eine neue Erfahrung, wo ich meine abhängige und meine unabhängige Seite gleichzeitig in mir zum Ausdruck bringen möchte, und zwar in einer Art dynamischem Gleichgewicht. Mein Bedürfnis ist, Nähe und Verbundenheit zu leben, ohne mich vereinnahmt zu fühlen und Abstand und Autonomie zuzulassen, ohne mich verlassen zu fühlen. Dazu war viel innere Bewegungsarbeit in verschiedenen therapeutischen Methoden notwendig, und bis heute ist dieser Prozess nicht abgeschlossen.

Die gesellschaftlichen Folgen der Seelenwunden

Auch in unserer Gesellschaft ist bis heute kein dynamisches Gleichgewicht zwischen den beiden großen Wunden entstanden: Die Wunde der Vereinnahmung, die durch Kontrolle und zu wenig Raum lassen entstanden ist, hat einseitige Unabhängigkeit zur Folge. Die Wunde der Verlassenheit, die durch Vernachlässigung und zu viel Raum lassen entsteht, hat einseitige Abhängigkeit zur Folge. Die gesellschaftlichen Folgen der Flucht in die 
Unabhängigkeit durch die Wunde der Vereinnahmung und der Verdrängung von Wut sind zunehmende Gewalt, Aggression und asoziales Psychopathentum wie Amokläufer und Selbstmord(-Attentäter). Die gesellschaftlichen Folgen der Flucht in die Abhängigkeit durch die Wunde der Verlassenheit und der Verdrängung der Trauer sind Vereinsamung, Depressionen und Selbstmorde.

Wie wir unsere Seelenwunden heilen

Der Heilungsprozess vollzieht sich in der umgekehrten Reihenfolge des Entstehungsprozesses der Wunden, bis wir schließlich wieder bei den Ursprüngen angelangt sind.

  • In der ersten Etappe erkennen wir unsere Seelenwunden und die Überlebensstrategien, um sie zu verbergen.
  • In der zweiten Etappe sind wir im Widerstand, in der Auflehnung und in der Projektion und weigern uns, für unsere Überlebensstrategien die Verantwortung zu übernehmen.
  • In der dritten Etappe gestehen wir uns das Recht zu, gelitten zu haben und den Eltern dafür böse gewesen zu sein. Wir beginnen, uns selbst und unseren Eltern zu verzeihen.
  • In der vierten Etappe erkennen wir, dass wir die Überlebensstrategien nicht mehr brauchen, um uns zu schützen. Wir können wieder in den Selbstausdruck gehen und unsere Bedürfnisse ausdrücken, ohne uns schuldig zu fühlen, uns zu schämen oder zu bewerten.

Woran erkennen wir, dass unsere Seelenwunden heilen? Ganz einfach: Wenn die damit zusammenhängenden Ängste nicht mehr unser Leben bestimmen. Die Wunde der Ablehnung und die Angst vor der Panik heilt, wenn wir uns das Bedürfnis zugestehen, existieren zu dürfen. Die Wunde des Verlassenwerden und die Angst vor der Einsamkeit heilt, wenn wir uns das Bedürfnis zugestehen, in unsere Kraft zu gehen. Die Wunde der Demütigung und die Angst vor der Freiheit heilt, wenn wir uns das Bedürfnis zugestehen, sinnlich zu sein und genießen zu dürfen. Die Wunde des Vertrauensbruch und die Angst vor der Trennung heilt, wenn wir uns das Bedürfnis zugestehen, verletzbar zu sein. Die Wunde der Ungerechtigkeit und die Angst vor der Gefühlskälte heilt, wenn wir uns das Bedürfnis zugestehen, Grenzen zu setzen.

Die therapeutische Grundhaltung sollte beiden Wunden, die der Vereinnahmung und die der Verlassenheit, und den damit verbundenen inneren Bewegungen gerecht werden. Die innere Bewegung der Vereinnahmungswunde geht nach einer langen Zeit in zu engen Grenzen in Richtung Unabhängigkeit und Expansion und sollte durch ein „Raum lassen“ unterstützt werden. Die innere Bewegung der Verlassenheitswunde geht nach einer langen Zeit in zu weiten Grenzen in Richtung Abhängigkeit und Implosion und sollte durch eine „liebevolle Präsenz“ unterstützt werden. Zusammen ergibt das die Grundhaltung „Da sein und Raum lassen“: In diesem therapeutischen Biotop gedeihen die Bedürfnisse Autonomie und Verbundenheit in einem dynamischen Gleichgewicht.

Oliver Bartsch

 

Quelle: https://www.sein.de/seelenwunden-heilen/


Kampf "Licht gegen Dunkel"...

Momentan scheint der scheinbare Kampf "Licht gegen Dunkel" 

"Gut gegen Böse" eine neue Stufe erreicht zu haben. 

Ich persönlich habe aber erfahren, dass ein Kampf in diesem Bereich wenig hilfreich ist, wenn es um tatsächliche Lösungen geht. 

Wohl aber hat er an gewissen Stellen zu bestimmten Zeiten natürlich seinen Wert, 

sei es beispielsweise um zu erkennen, wo man sich abgrenzen will. Sei es, wenn es darum geht, dass alte Wut endlich hochkochen soll. 

Das alles hat seinen Platz und auch seine Wichtigkeit. 

Es kann demnach auch gar nicht "übersprungen" werden.

Doch bringt es meiner Erfahrung nach wenig, stur auf einer bestimmten Position zu verharren und darauf zu pochen, dass rein äußerlich betrachtet "endlich Gerechtigkeit und die richtige Ordnung" Einzug halten mögen.

Im Gegenteil entsteht hier wieder ein "Spiel", ein scheinbares Kräftemessen - die einen gegen die anderen. Die Positionen verhärten sich.

 

 

Die Erlösung findet sich ganz woanders. 

Vielleicht weißt du es ohnehin schon.

Andere berühren deine Wunden, sie triggern deine Angst.

Frage dich also:" Wogegen kämpft du wirklich? "

Meist ist es ein alter Schmerz, den auch schon deine Ahnen vor dir durchlebten.

Dieser will sich erlösen - JETZT - so sehr wie nie strebt er danach gesehen, gefühlt und ausgehalten zu werden!

 

 

Niemand kann dich von deinen Wunden befreien, 

so lange du vor ihnen auf der Flucht bist.

Spürst du sie? 

So liegt genau hier deine Aufgabe - jetzt! 

Bleibe bei dir und fühle hin!

Was machen sie mit dir? 

Welches Gefühl geben sie dir - 

über dich, über andere, über die Welt? 

Erzählen sie von Verrat, Betrug oder Schuld?

 

 

Wenn du dich verwehrst, weil dich etwas zu sehr schmerzt, 

hat kein, dich noch so sehr liebendes Gegenüber eine Chance!

Der Schmerz schwindet nur, 

wenn er noch einmal durchfühlt und

mit deiner Liebe durchdrungen wurde. 

Gewährst du dir deine Heilung?

 

 

Dein Herz fühlt genau, wo du jetzt wirklich stehst! 

Aus deinem Herzen heraus wird eine Gewissheit erwachsen - 

eine Gewissheit, welche aus Selbst-Bewusstsein und Vertrauen gewebt ist.

Fehlt sie dir, bist du unsicher. 

Fehlt sie dir, dann bist du noch zu verwundet.

Du hast dich jetzt noch nicht ausreichend mit deiner Liebe umsorgt, dich umhüllt. 

Du hast dir jetzt noch nicht genug Heilung gewährt, 

um dich dem Sturm zu stellen.

 

 

Du wirst bald aufwachen und wissen:

Ja, jetzt ist die Zeit zu springen, 

das Alte ganz loszulassen, die Wut ziehen zu lassen.

mit bebendem Herzen, zitternden Händen und weichen Knien,

doch du wirst es tun und wissen: Ja, jetzt ist die Zeit da!

Und dann wirst du deinen Träumen so einen riesigen Schritt näher gekommen sein!

Dann zögere nicht mehr,

halte dein Herz nicht zurück,

sonst lässt du es neuerlich ein Stück weit verkümmern,

versagst ihm und dir die Heilung.

 

 

Dein Weg beginnt immer in der Begegnung mit dir!

Mehr dazu findest du in meinem Buch "Die Befreiung kraftvoller Weiblichkeit" unter anderem in den Kapiteln: "Wirkliche Begegnung", "Der Garten der Beziehung", "Unabhängigkeit", "Intimität"; 

Mehr zum Buch: http://eva-maria-eleni.blogspot.co.at/…/die-befreiung-kraft…

 

 

Text (c) Eva-Maria Eleni

 

 

 


Traurigkeit und seelischer Schmerz

Traurigkeit dehnt sich in unserer Gefühlswelt aus. Sie ist immer da und wenn es einen Anlass gibt, dann macht sie sich in uns breit. Das ist ihre Verhaltensweise. Traurigkeit gehört zu unserer Gefühlswelt, wie das Blut zu unserem Körper. Säfte fließen, Muskeln spannen sich an, Gelenke bewegen sich in ihrem vorgezeichneten Radius und Traurigkeit dehnt sich aus. Nach einer Ausdehnung zieht sie sich auch wieder zusammen, so, wie ein Muskel sich nach der Anspannung auch wieder entspannt – wenn man ihn lässt.

 

Durch Weinen bekommt Traurigkeit einen Ausdruck und kann, wenn nötig, abfließen. Halten wir Traurigkeit fest, sammeln wir sie über Jahre in uns an oder findet sie aus anderen Gründen keinen Ausdruck oder Raum, dann bewegt sie sich Richtung Körper, wo sie Krankheiten, Schwere und Erschöpfungszustände verursachen kann.

Seelische Verletzungen dagegen sind den körperlichen Verletzungen sehr ähnlich. Sie werden zugefügt. Unser eigenes Denken, Enttäuschte Erwartungen, Ereignisse in unserem Leben oder einfach eine verletzende Bemerkung, können uns schmerzlich treffen und seelische Wunden hinterlassen. Seelische Verletzungen können zutiefst schmerzhaft sein.

Werden starke seelische Verletzungen gefühlt und zum Ausdruck gebracht, dann geschieht dies oft in Form von Schreien, Zittern, dem Impuls, schlagen, etwas zerschlagen oder treten zu wollen sowie lautes Weinen. Auch Verletzungen können in den Körper verschoben werden, wenn wir nicht bereit sind oder in der Lage fühlen, sie zu fühlen. Im Physischen erzeugen sie dann vorzugsweise chronisch entzündliche Prozesse.

Gefühle bestehen aus energetischen Ladungen, Kräften, Spannungen und wuchtigem Druck, die unserem Nervensystem und all unseren sensiblen körperlichen Rhythmen und Vorgängen stark zusetzen und diese sogar zersetzen können.

Traurigkeit dehnt sich auf der Höhe des Solarplexus aus. Wut, ein anderes ursprüngliches Gefühl, nehme ich im Körper weiter unten im Bauchraum wahr. Dehnt sich Traurigkeit aus, dann können wir das als Druck spüren, der Richtung Hals immer stärker wird.

Kinder lassen Traurigkeit einfach durch den Hals fließen, weinen und schluchzen. Erwachsene halten Traurigkeit im Bereich des Zwerchfells oder des Halses oft reflexartig fest, denn hier sitzen Ängste, die den Fluss der Traurigkeit blockieren können. Zu diesen Ängsten gehören: die Angst vor Zurückweisung, Ablehnung und Missbilligung und die vor Auseinandersetzung, Konflikt und Spannung. Im Hals sitzt aber auch die Fähigkeit der Selbstkontrolle, die wir einsetzen, wenn wir die für uns unangenehmen Gefühle einfach nicht fühlen wollen.

Eine seelische Verletzung ist ein deutlich anderes Gefühl, als Traurigkeit. Sind wir verletzt, dann fühlen wir uns wund, gekränkt, gedemütigt, erniedrigt, entwürdigt oder misshandelt. Verletzungen entstehen, wenn unsere Grenzen von uns oder unseren Mitmenschen nicht gewahrt wurden, wenn negative Einflüsse uns treffen oder wenn unsere Erwartungen und Vorstellungen nicht erfüllt wurden. Eine seelische Verletzung hinterlässt einen Schmerz, durch den wir uns gequält und schutzlos fühlen. Begleitend nehme ich bei diesem Gefühl oft Enttäuschung, Frust, Zorn und unterdrückten Ärger wahr.

Traurigkeit nehme ich als ein sehr ursprüngliches Gefühl wahr. Ich empfinde es als eine Energie, die nicht feurig ist, wie die Wut und nicht so vitalisierend und belebend, wie die Lust, auch nicht so eng und beklemmend, wie Angst, sondern eher etwas bleiern, sumpfig, dumpf und lähmend. Um die Traurigkeit herum können Hoffnungslosigkeit, alter Kummer und längst vergessene Kränkungen, Mitleid, Einsamkeit und die Erfahrung von emotionaler Vernachlässigung zu finden sein.

Traurigkeit kann außerdem auch mit Freude, Lust oder Wut vermischt sein, da dies alles Grundgefühle sind, die sich auch gleichzeitig ausdehnen können. Solch ein Gefühlsbrei kann uns allerdings sehr durcheinander bringen, da unsere Gefühle eine wichtige Orientierung für uns darstellen. Daher ist es immer gut, die innere emotionale Aufregung ruhiger werden zu lassen, Gefühle einzeln zu fühlen und sie zu klären.

Folgende Fragen können dabei helfen:

• Was fühle ich genau?

• Wo sitzt das Gefühl im Körper?

• Was macht mich traurig?

• Was macht mich wütend?

• Was hat mich verletzt bzw. alte Verletzungen aufgerissen?

• Sind es meine Gefühle, die ich da wahrnehme oder kommen sie aus meiner Familie oder aus meinem Umfeld? (Das ist für viele Menschen eine sehr wichtige Frage. Dazu unten mehr…)

Weitet und dehnt sich unsere Seele aus, wie wir es in der Weite der Natur, in Therapie oder in der Meditation erleben können, dann schiebt sie gern einen Berg Traurigkeit vor sich her. Wie ein großer Schneeflug den Schnee auftürmt, schiebt unser Seele unsere Traurigkeit in Richtung Hals, wo sich dann ein dicker Kloß bildet. Es kann auch am Brustbein ein Druck entstehen, der uns den Atem zu nehmen scheint. Hier kann es sehr eng werden, wenn in uns die Angst vor Verletzungen schlummert oder wenn wir uns aus irgendeinem anderen Grund vor der Liebe verschlossen haben.

Entstehung von Traurigkeit

Traurigkeit ist etwas, das in seiner ursprünglichen Form keine Therapie oder Heilung braucht. Sie entsteht eigentlich gar nicht, sondern dehnt sich in unserem Körper, wenn es eine entsprechende Gelegenheit gibt, aus. Als Ausdruck unserer Seele, wie auch Freude, Wut und Lust, ist Traurigkeit einfach nur gesund. Ihr Ausdruck über unseren Körper ist, wie schon erwähnt, das Weinen. Wenn sie sich im Laufe der Jahre im Körper verfangen hat oder als Blockade in unserem Gefühlskörper verharrt, dann kann Therapie sehr hilfreich sein. Denn es ist gut, wenn Traurigkeit Raum bekommt, in dem sie fühlbar wird und fließen kann.

Bevor Traurigkeit sich ausdehnt, braucht sie einen Auslöser, einen Grund. Da wir Menschen sehr unterschiedlich gestrickt sind, lösen auch unterschiedliche Dinge unsere Traurigkeit aus. Wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben, dann dehnt sich Traurigkeit oft in vielen Schüben, über Monate und Jahre aus, was wir als Trauern bezeichnen.

Bei empathisch emotionalen Menschen kommt Traurigkeit schneller in Wallung: beim Anblick einer Hochzeit, eines Babys, eines traurigen Menschen, bei einer berührenden Filmszene oder während ein alter Herzschmerzsong gespielt wird. Es kullern auch die Tränen, wenn über Liebe, Vertrauen, Verbundenheit oder Hoffnung gesprochen wird, sich entschuldigt wird, etwas lieb gewonnenes verabschiedet werden muss oder wenn tiefe Dankbarkeit ausgesprochen wird.

In meinem Praxisalltag begegne ich immer wieder Menschen, die mit dem Weinen nicht aufhören können. Es gibt dann meist auch keinen handfesten Beweggrund, der das viele Weinen rechtfertigt. Das hat in der Regel damit zu tun, dass nicht die eigene Traurigkeit heraus geweint wird, sondern die der Mutter, des Vaters oder der Großeltern.

Unverarbeitete Trauer und Traumatisierungen unserer Vorfahren kann bewirken, dass wir ständig weinen müssen und dabei keine seelische Erleichterung erfahren. Oder wir spüren instinktiv, dass etwas nicht stimmt, wenn fremde Gefühle in uns sind und trennen uns gänzlich von einem Großteil unserer Gefühlswelt ab. Hier ist es wichtig, die eigenen von den fremden Gefühlen unterscheiden zu lernen. Und die Gefühle, die nicht die eigenen sind, dorthin zu entlassen, wo sie hingehören.

Viele Menschen fühlen unentwegt die Gefühle anderer Menschen. Diese sensiblen, emotional empfangenen Menschen, nehmen fremde Gefühle und Atmosphären ihrer Umwelt in sich auf und denken, es wäre das Eigene. Das kann sehr verunsichernd sein und zu falschen Selbstbildern führen, körperliche und psychische Krankheiten verursachen, aber auch das Immunsystem anhaltend überlasten.

Rein körperliche Ursachen, die zu unentwegtem Weinen führen können, sind Hormon- und Mineralmangel, die durch viel Stress, älter werden und durch eine ungesunde Lebensweise zustande kommen können.

Aber auch das Freiwerden von alter Traurigkeit, kann viel Weinen auslösen. Auslöser gibt es da sehr unterschiedliche: ein Gespräch, Verluste, Abschied, Verliebtsein, Sex, ein Film oder Meditation. Dann sind wir ganz verwundert und verwirrt, weil plötzlich Traurigkeit in uns hervorbricht, die keinen aktuellen realen Bezug hat. In solchen Momenten können wir davon ausgehen, dass unser Körper eine Ladung angestauter Gefühle und Erinnerungen aus der Vergangenheit freigeben will. Keine Angst – wir können sicher sein, dass diese, wie eine Welle kommt und auch wieder geht.

Alte Traurigkeit, die sich oft wie ein Schatten vor unsere Liebesfähigkeit legt und unsere innere Freiheit behindert, entsteht immer in unserer Kindheit.

Hier begegnen mir folgende Auslöser:

• die familiäre Atmosphäre war kalt, lieblos und belastend

• die Liebe, die gegeben wurde, war zu wenig oder nicht sanft und liebevoll genug

• die Eltern konnten nicht in einen wachen aufmerksamen Kontakt gehen, nicht trösten und nicht zuversichtlich sein

• die Welt wurde grundsätzlich als unangenehm und lieblos wahrgenommen

• Eltern wurden als unberechenbar wechselhaft und als funktional erlebt

• das Schlechte, Gewaltvolle und Böse unserer Existenzebene wird als Qual, als Bedrohung und als Enge empfunden

• Liebe kann sich, wegen familiärer Blockaden, nicht ausdehnen und fließen

• Eltern, Geschwister oder Großeltern leiden an ihrem schweren Schicksal, worunter mitgelitten wird

• innere Hilflosigkeit, Ohnmacht, Mangel an Sicherheit und Halt können ebenfalls zu großer Traurigkeitsansammlung in unserer Gefühlswelt führen

In alter Traurigkeit vermischt sich Traurigkeit mit den Erinnerungen aus einem längst vergangenen Erlebnis. Bekommt diese Traurigkeit Raum durch bewusste Wahrnehmung oder durch das Zulassen von Gefühlen, dann sausen uns nicht nur Gefühle, sondern auch vergessene Erinnerungen um die Ohren. Das kann sehr verwirrend sein, vor allem dann, wenn wir denken: „damit habe ich längst abgeschlossen“, „da bin ich drüber hinaus gewachsen“, „das kann mich nicht mehr anheben“ oder „da bin ich längst durch“.

Gerade wenn das Leben inzwischen schöner, runder und glücklicher ist, als damals, kann es uns schwer fallen, die Altlasten zuzulassen. Da sie unserem aktuellen Lebensgefühl nicht mehr entsprechen, empfinden wir sie als störend. Die Unterscheidung zwischen aktueller und alter Traurigkeit ist hier sehr hilfreich und wichtig, so dass wir keine Zweifel an unserer Selbstwahrnehmung bekommen und nicht in Selbstabwertungen landen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ „Ich bin doch nicht normal.“

Wie oft haben wir uns darum bemüht, traurige Momente einfach nur schnell hinter uns zu lassen, doch ein paar Jahre später stiegen dann all die alten Gefühle wieder in uns auf und belästigten uns regelrecht – oft auch über körperliche Schmerzen.

Wie kommt das?

 

Wir können Gefühle nicht abschütteln. Wir können sie nur abspalten und verdrängen, dass es so scheint, als wären sie nicht mehr existent. Es bleibt jedoch immer die Angst, dass es irgendeinen Auslöser geben wird, der sie in uns aufsteigen lässt. Durch Verdrängung ist es aber möglich, über viele Jahrzehnte die alten Gefühle in Schach zu halten. Das kann zwar Leben retten und stabilisieren, doch leider geht das immer auf Kosten unserer Beziehungen. Denn nur so weit, wie wir mit uns selber verbunden sind, können wir auch anderen Menschen nah sein.

 

Judith Mücke

 

http://www.systemische-praxis-potsdam.de

 

 



Mystik und Trauma...

 

Mystik und Trauma gehören aus Sicht des Mystikers zusammen. Auch die neuesten Erkenntnisse der Psychologie zeigen, dass es eine sehr starke Übereinstimmung zwischen Mystik, Energetik und Traumatherapie gibt. Tatsächlich wirken moderne Trauma-therapeutische Verfahren und Mystik synergistisch und sind vortreffliche Partner, die sich wechselseitig darin verstärken können, erstarrte Areale zu kontaktieren, kristallisierte Energie – die sich oft in Form von Schmerz äußert – in Bewegung zurückzuführen. Sie sind fähig, die Synchronizität von Körper, Herz und Geist wieder herzustellen und dadurch die Entwicklung des Menschen wieder in Fluss zu bringen.

Von Thomas Hübl

Seit Jahrtausenden gibt es Menschen, die sich mit der Erforschung von Innenräumen und der Natur des Bewusstseins aus einer Introspektion heraus beschäftigen. Viele von ihnen haben dieser Erforschung ihr ganzes Leben gewidmet. Einige dieser Menschen haben, in unterschiedliche kulturelle Gewänder gekleidet, Berichte hinterlassen von durchschlagenden Bewusstseinserfahrungen, -erweiterungen und Erleuchtungserlebnissen. Auch wenn es immer wieder – und manchmal auch zu Recht – kontroverse Annahmen über Religion an sich gibt, so haben doch alle großen Traditionen, ob Zen-Buddhismus, Hinduismus, die Kabbala im Judentum oder andere, einen mystischen Kern.

Und dieser Kern, das wache Bewusstsein, das von Generation zu Generation in der Tradition weitergegeben oder vermittelt wurde – oftmals von Lehrer zu Schüler und Lehrer zu Schüler –, ist wie ein Kabel, das „Elektrizität“ leitet. Eine Bewusstseinskraft, die nur durch Beziehung und Bewegung verstanden werden kann. Dieses Potenzial der Mystik lässt sich für die Bewältigung von Traumata nutzen. Was wir Mystiker oft den ganzen Tag machen, ist ja, als würden wir „elektrische Leitungen“ einziehen und Abflussrohre wieder aufmachen, damit der Fluss in den Bereichen reduzierter Bewegung wieder hergestellt werden kann.

Wir machen also im Prinzip ganz viel energetische Heilarbeit, indem wir den gesamten inneren Bewusstseinskörper wieder so vernetzen, dass das Licht – Licht hier als eine Metapher für Bewusstheit – wieder den gesamten Körper durchfluten kann.

Verkörperte Spiritualität – Integrieren statt abspalten

In der asketischen oder monastischen (mönchischen) Tradition ist die Transzendenz des Egos das Ziel, um zu einem Erleuchtungszustand zu kommen. Für Menschen, die in einer Kultur leben, während sie spirituell praktizieren, braucht es – neben einer tiefen spirituellen Praxis – eine fundierte Schattenarbeit, die sie verwurzelt und die Herausforderungen des täglichen Lebens annehmen lässt. Das mag zunächst paradox erscheinen, doch in meinem Verständnis von einer zeitgemäßen Verkörperungsmystik ist die Transzendenz des Egos und der gesunde Aufbau des Willens kein Widerspruch.

Die verkörperte Spiritualität ist keine „Umgehungsstraße“ für Schwierigkeiten im Leben, sie spaltet Emotionen nicht ab, sondern bezieht sämtliche Gefühle mit ein. Sie ermöglicht eine tiefere Anbindung an Gott (oder wie immer wir eine tiefere Anbindung ans Erwachen für uns nennen) und zugleich eine tiefere Erkenntnis von Kulturarchitektur, also dem Einfluss unseres inneren Bewusstseinsraumes auf unser Kulturerleben. Viele Menschen gehen jahrelang zum Psychotherapeuten, doch bei einigen lösen sich die Grundprobleme nicht auf – gleichsam wie in einigen spirituellen Bewegungen die Schattenthemen nicht adressiert werden, was zu immerwährenden Problematiken führt.

Die Erweiterung der psychologischen Arbeit um die spirituelle, transpersonale Dimension kann die Landkarte der Bewältigungsmöglichkeiten vergrößern und als Ressource für Heilung genutzt werden – und umgekehrt.

Demut und Hingabe statt Schmerzvermeidung

Wir leben in einer Schmerzvermeidungskultur. Für viele Menschen scheint der perfekte Zustand die Illusion zu sein, dass niemand mehr irgendein Anzeichen von Schmerz spürt. Doch genau wie Freude und Leichtigkeit sind auch Probleme, Leid und Schmerz Teile unseres Lebens. Es braucht sogar gewisse Spannungen, um uns weiterzuentwickeln, und es gibt immer etwas, das wir nicht verstehen oder das sich nicht erfüllt. Es kann nicht darum gehen, alle unangenehmen Symptome psychotherapeutisch wegzubehandeln oder wegzumeditieren. Vielmehr müssen wir uns darum kümmern, schmerzhafte Erfahrung zu integrieren, damit wieder mehr Lebensenergie zur Verfügung steht. Gleichzeitig braucht es immer auch Demut, zu wissen: Mein Leben ist eingebettet in eine größere/höhere Dimension, es bleibt verletzlich, und es wird immer Herausforderungen geben, denen ich unterlegen bin.

Auch in der Spiritualität erscheint ja oft die Frage „Ja, wie lange muss ich denn noch praktizieren?“ oder „Wie lange muss ich denn noch Schattenarbeit machen?“ Doch auch diese Fragen sind ja nur ein Ausdruck der Resistenz gegen das, was ist. Wenn ich mir immer nur die Frage stelle „Wann ist es denn zu Ende?“, dann spiele ich ja immer nur in meiner Begrenzung, in meiner Endlichkeit. Für Menschen, die sehr viel Heilung brauchen, weil ihnen sehr viel Traumatisches widerfahren ist, ist es natürlich wichtig, zunächst Entspannung und Erlösung von Symptomen zu erfahren. Doch irgendwann, ab einem gewissen Grad von Integriertheit, können wir an einen Platz in uns kommen, an dem das nicht mehr die erste Priorität haben muss.

Dann kann das Gehen als solches und die Liebe, die sich im Gehen mit allem, was ist, entfaltet, zu unserer höchsten Priorität werden. Und wenn wir aufhören, Unbequemes in uns selbst zu vermeiden, dann hören wir auch auf, das in anderen weghaben zu wollen. Dann entfaltet sich Liebe, weil wir selbst angefangen haben, in Liebe zu leben. Das Paradoxe nicht mehr auflösen zu müssen, alle Zustände in unserer Liebe beheimaten zu können, ist eine sehr hohe Funktion des Bewusstseins. In der Mystik sagen wir „We are walking forever“, also „Wir gehen für immer“. Ich gebe die Endlichkeit meines Weges hin an das, was unendlich ist. Therapeuten, die an einem Platz in sich selbst ruhen, an dem sie Gegensätze beheimaten und sich ganz in eine Erfahrung hineinstellen, können auch in einer viel umfassenderen Qualität mit den Menschen arbeiten, die zu ihnen kommen.

Schatten-Verneinung als kollektive Dynamik

Doch die Kultur der Schmerzvermeidung hat nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Dimension. Die Energie von Millionen Massenmorden über Jahrhunderte muss ja irgendwo hin. Ich glaube, dass Generationen um Generationen diese nicht erlösten Energien immer weitertragen, und es gibt inzwischen auch große Forschungsprojekte, die sich damit beschäftigen, wie Transgenerationstraumata über die Epigenetik von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden.

Dies tiefer zu erforschen, kann enorm viel zum Verständnis von Krankheitsdynamiken beitragen, die unsere Krankenhäuser füllen. Unser kulturelles Heilungspotenzial liegt im Verständnis für kollektive Trauma-Dynamiken. Wenn wir uns dazu Prozesse in Großgruppen genau anschauen, entdecken wir zum Beispiel einen ganz speziellen Ablauf: Immer dann, wenn wir an den Punkt der Schatten-Verneinung kommen, wird eine tiefe Schwere im Raum fühlbar. Ich gehe davon aus, dass diese Schwere ohnehin 24 Stunden am Tag in unserem Nervensystem stattfindet, nur ohne dass wir wissen, dass das passiert. Das heißt, dass viele von uns – wir sind ja hineingeboren in eine kollektive Dynamik, die wir als normal ansehen – mit einer schweren Decke herumlaufen. Und weil das immer so war, wissen wir gar nicht, wie es ohne diese schwere Decke ist.

Erst wenn irgendwann jemand zu uns sagt: „Okay, was ist denn, wenn man die Decke abnimmt?“, wenn also diese Beschwerung aus unserer kollektiven Verneinung wegfällt, sehen wir plötzlich, was denn da noch an Leben sein kann. Man muss sehr bewusst sein, um sich langsam aus den kulturellen Gewohnheiten und Verständigungen herauszuschälen, die uns prägen. Aber wenn wir das erforschen, tun sich vollkommen neue Welten auf. In der Mystik sehen wir, dass die Zukunft die Kraft hat, die Vergangenheit umzuschreiben. Unser Reisegepäck aus Schmerzen, Ängsten, Scham und anderen unintegrierten Energien der Vergangenheit, das jetzt noch Einfluss auf unser Leben hat, kann transformiert werden. Und wenn das Beste aus den Disziplinen Mystik, Psychotherapie und Wissenschaft zusammenkommt, ergibt sich daraus nicht nur eine enorme Chance für persönliche Weiterentwicklung, sondern auch für die Erlösung jahrhundertealter kollektiver Schatten.

Thomas Hübl

 Quelle: https://www.sein.de/mystik-und-trauma-die-spirituelle-dimension/


Innere Freiheit: Flügel wachsen von Innen

 

Um die Spurrillen gewohnten Fühlens und Denkens zu verlassen und das offene Feld natürlichen Lebendigseins zu betreten, bedarf es vor allem freiheitsliebender Beherztheit, denn Flügel wachsen von innen. Dazu braucht es keine Anstrengung – allein das tiefe emotionale Begreifen, bedingungslos da sein und blühen zu dürfen, löst uns aus dem alten Gebundensein. Und: Absolut keiner kann unser Blühen verhindern. Der Schlüssel zur inneren Freiheit liegt bei uns selbst. Wenn wir selbst uns dazu berechtigt fühlen, wird innere Freiheit geschehen und die Lebensenergie schwingt frei.

Von Johanna und Ralf Neukirch

Erstes Begegnen

Unser wahres Wesen ist Freisein, gleichwohl träumen wir Menschen davon, Freiheit zu erwerben. Manch kühner Abenteurer jagt nach ihr und kann sie nicht oder nur für einen Moment lang erfahren. Und doch ist das immerwährende Freisein unser aller Geburtsrecht. Wir selbst sind der Freiraum, in dem sich seelenvolles, liebendes Lebendigsein vollzieht. Dieser Freiraum kann nicht errungen werden, sondern taucht in uns auf, wenn unsere Fühl- und Denkkonzepte aufgrund mutiger Schritte in die klare Selbstwahrnehmung vergehen.

Die Summe unserer Erkenntnisse – jener Baum mit den gewissen Äpfeln – beschert uns das Gefangensein. Vor dem Befolgen der aus unserem frühen Erleben abgeleiteten Grund- und Glaubenssätze sind wir noch weitgehend freie, staunende Wesen. Da ist nur Schauen, Atmen, adäquates Reagieren. Aber schließlich ereignet sich die erste prägende Begegnung – beispielsweise mit einem großen, schwarzen Hund. Werde ich gebissen, muss ins Krankenhaus, werde gespritzt und genäht, so werde ich in meinem weiteren Leben den zehn, zwanzig, hundert freundlichen schwarzen Hunden, auf die ich noch treffen werde und die mit mir spielen wollen, nicht offen gegenüberstehen. Die nachfolgenden Begegnungen haben gegen die Erstbegegnung keine Chance. Grund: Großer, schwarzer Hund bedeutet Gefahr. Punkt. Neues Begegnen und neues Erfahren sind somit auf Eis gelegt. Einem weißen, großen Hund werde ich wahrscheinlich auch kein Vertrauen schenken. Und Hund allgemein gilt sicherlich immer noch als gefährlich. Ab dato lebe ich in einem gewissen Gefangensein.

Wahrnehmungsfilter

Wir schauen und empfinden also durch die Brille der ersten Erfahrung. Jeder nachfolgende Hund wird durch die in der Erstbegegnung erworbene Erkenntnisbrille angeschaut. Nach der prägenden Kindheit besitzen wir dann einen ganzen Koffer solcher Brillen – und die sind fest in uns installiert. Damit ist eine freie Sicht auf uns, den anderen, die Welt nicht mehr möglich. Durch die jeweilige Brille einer bestimmten Erfahrung schauend erleben wir nun zum einen, dass wir eine bestimmte Person sind; die Summe und Verschiedenartigkeit der Schattierungen unserer Brillen macht dabei das individuelle Persönlichkeitsempfinden aus. Zum andern erleben wir in diesem Person- Sein, dass wir Opfer dessen sind, was wir durch unsere Brillen sehen, beispielsweise schon wieder einen großen, schwarzen Hund – und schon müssen wir Angst, Wut, Schmerz, Verzweiflung aushalten und fühlen uns darin festgesetzt.

Manche ahnen indessen, dass da gar keine Person in irgendwelchen Umständen gefangen ist. Der Gefangene ist die Schöpferkraft selbst. Und das Gefängnis ist das Empfinden von Person-Sein. „Gott“ sitzt in seinem eigenen Knast der jeweiligen Reaktionsmustersammlung. An diesem Ort der Täuschung begibt er sich bevorzugt auf wilde Fahrten in seinem Gedankenkarussell – er sitzt als ein sich auf das Denken Fokussierender in seiner Gehirnzelle und fühlt sich extrem unfrei.

Wie sich nun daraus befreien? Akzeptanz ist ein Schlüssel. Wenn ganz erkannt und akzeptiert wird, auf welche Weise sich das eigene Person-Sein gestaltet, dann fällt das Fühlen und Denken eines urteilenden Jemand in sich zusammen und reines Präsent-Sein geschieht. Dieses klare Bewusstsein stellt sich in aller Regel schrittweise ein – entsprechend der bereits abgelegten bzw. der noch vorhandenen Brillen. So ist es möglich, dass einmal reines Präsent- Sein erlebt wird und dann wieder enges Person-Sein. Die Identifikation vollzieht sich oft im schnellen, schmerzlichen Wechsel.

Neuland

Es ist eine eindrucksvolle Erfahrung, wenn wir plötzlich wieder vor einem großen, schwarzen Hund stehen und es geschieht ein freies, waches Begegnen – vielleicht entpuppt sich dieser Vierbeiner sogar als ein freundliches Geschöpf. Jedenfalls sind wir im lebendigen Hier und Jetzt, wenn wir das In-Reaktion-Stehen auf die Eltern und andere Figuren der Kindheit erkennen, verstehen, lösen. Wirkliches Begegnen findet in aller Regel vorher nur selten statt: Die Brillensammlung ist flächendeckend und das ungefilterte, reine Wahrnehmen liegt manchmal sehr tief darunter verborgen. Haben wir das Person-sein-Spiel verstanden und die Gewissheit erlangt, dass es das Eine ist, dem das Verkennen und Verkanntwerden geschieht, kann uns das immerhin Erleichterung in der Haft unserer Konzepte gewähren.

Die gute Nachricht: Dem Einen klaren Bewusstsein ist das Sich-Wiedererkennen in der bunten Vielfalt der manifestierten Welt durchaus möglich. Dann wird das Leben zum Fest. Ein großer transformierender Schritt geschieht, wenn realisiert wird, dass das zeitweise Erwachen in den freien Wahrnehmungsraum nicht einem Jemand widerfährt, der das Freisein nach dieser Erfahrungssequenz wiederhaben will, sondern dass das zeitweise erfahrene Freisein die wahre Natur ist, die vom Wiederhabenwollenden verdeckt wird. Die wache Differenzierung „Ah, diese Präsenz bin ich und nicht ein Jemand, der sie haben kann!“ vermag uns ins stufenweise Erwachen zu führen. Der klare Blick auf unsere wahre Natur zaubert uns Siebenmeilenstiefel an die Füße und wir spurten ab da ins freie Menschsein.

Das unbedingte Haben-Müssen ist Bestandteil unserer Gefängnismauern und hat viele Facetten: Recht-haben-Müssen, Machthaben- Müssen, Kontrolle-haben-Müssen und anderes Haben-Müssen mehr. Mittlerweile erschöpfen sich allerdings die Ressourcen unserer Erde und dieser wundervolle blaue Planet – Gottes Sandkasten – lechzt nach einer Gesellschaft, die das Gefängnis „Haben-Müssen“ verlässt und den freien Raum von Sein- Dürfen mutig betritt.

Erfüllendes Sein-Dürfen anstelle des gewohnten Haben-Müssens

Echtes Menschsein – wertungsfreies, offenes, ewiges Präsent-Sein in Kombination mit der Körperlichkeit – spaziert durch die manifestierte Welt und begegnet immer wieder sich selbst in den verschiedensten Formen und Farben. Und wie durch Zauberhand stellt sich ein großes Staunen ein, das gleichzeitig ein unbekümmertes Fließen der Liebe ist. Das ist die Freiheit, nach der sich jedes Haben-Müssen tief im Inneren sehnt. Bewusst oder unbewusst sind wir alle auf dem Weg dorthin, wie groß der „Umweg“, auf dem wir uns augenblicklich befinden, auch sein mag. Wer sich aufmacht, die installierten Filter – jene das Licht klaren Bewusstseins verschattenden Brillen – durchlässiger werden zu lassen, wird ein angenehmeres Person-Sein erfahren.

Dann erfährt er zwar immer noch ein Gefangensein, jedoch mit helleren Wänden. Indessen ist das Person-Sein auch in der bequemeren Variante das Konzentriert-Sein auf irgendein Müssen. Das rastlose „Ich muss dies, ich muss das, um da sein zu können!“ raubt uns den freien Atem. Die wahre Natur ist dem Dürfen zugewandt: dem selbstverständlichen Da-sein-Dürfen ohne jegliche Bedingung, was keines „schneller, weiter, höher als … !“ bedarf.

Und viele, die gerade dabei sind, ihre Wände heller zu streichen, bemerken plötzlich ein Loch in der Wand und erfahren Einssein. Dieses Erleben kann zu einem guten Zugpferd werden, die Öffnung zu vergrößern, was heißt, sich von mehr und mehr alten Wahrnehmungsfiltern zu lösen. Wirkliches Freisein ist das größte Abenteuer überhaupt. Und geeignete Begleiter und Instrumente auf dieser Abenteuerreise gibt es viele. Der Maßstab dafür, wer und was sich eignet, bemisst sich allein am Vorankommen des Reisenden.

Selbstliebe

Fakt ist: Das Gefangensein besitzt viele Anker, die gelichtet werden wollen, bevor sich die Freiheit dauerhaft in uns einrichtet. Und so manche Brille sitzt enorm fest. Wie zäh sich beispielsweise die Ablösung von einer zentralen Figur aus unserer frühen Kindheit gestalten kann, pointiert auf schöne Weise der gern zitierte Satz „Mein Mann war solange erleuchtet, bis er seine Mutter wiedertraf!“. Sie teilt ihren Körper mit uns, wir erhalten das Geschenk des Lebens durch sie, aber auch ihr Geprägtsein geht schon früh auf uns über. Wer sein eigenes Gefängnis verlassen will, wird in der Regel am Schauen auf diese Zeit nicht vorbeikommen.

Eine lösende Arbeit wie das spirituelle Aufstellen kann Anker sichten und lichten, ist gutes Handwerk und göttliches Instrument. Es lässt uns Prägungsinhalte sehen und verstehen. Im klaren Schauen unserer inneren Kinder – unseres frühen Seins in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen – sind wir uns nah und Selbstliebe geschieht: ein großes Tor zur ersehnten Freiheit. Eine besondere Hürde auf dem lösenden Weg liegt darin, dass wir uns in unserem Gefängnis bestens auskennen. Es drückt uns, und doch wollen wir es auch behalten.

Daraus entstehen Ambivalenzen, wie sie sich zum Beispiel in dem sprichwörtlichen „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ oder in „Ich hasse dich, verlass mich nicht!“ ausdrückt. Sehne ich mich zum Beispiel nach Nähe, kreiere mir jedoch tatsächlich ein einsames Dasein, so steht diesem aktuellen Ersehnen in der Regel eine alte Erfahrung im Sinne von „Nähe ist gefährlich, tut weh!“ entgegen. Mit dem Alleinsein kenne ich mich aus, das hat mich geschützt: Ich will behalten, was ich damals adäquat zur prägenden Situation ausgebildet habe, obwohl sich das Sehnen tatsächlich auf das gegenwärtige Leben bezieht und ich mir darin Erfüllung wünsche. Die uns gefangen setzenden Fühl-, Denk- und Handlungsmuster – unsere Konzepte – sind das, was uns irgendwie zurechtkommen ließ nach der meist harten Landung auf dieser Erde.

Als Auftakt der irdischen Reise sieht das Eine freie Präsent-Sein auf einmal durch die Augen eines lebenden, fühlenden Wesens … und erlebt einen dramatischen Absturz im Sinne von „Ah, das bin ich, Körper, sterblich, Nichtsein ist möglich!“. Ab diesem Zeitpunkt sind wir ein Reagieren auf diesen Schrecken – ein Muster, an das sich alle weiteren Reaktionsmuster ketten, die sich aufgrund des frühen Erlebens in uns ausbilden. Es kann sich wie ein echtes Opfer anfühlen, den vertrauten Holzweg zu verlassen. Es gibt sicher keine Enttäuschung, wenn das Freisein erfahren wird, aber in der Regel nähern wir uns ihm mit bangem Herzen. Einen Begleiter an seiner Seite zu haben, der den Weg schon gegangen ist, kann helfen, die Persönlichkeitsstruktur der Lockerung und schließlich der Auflösung zuzuführen. Die persönliche Struktur ist nichts anderes als das Streben, dem Verletztwerden, das wir damals kaum verkraften konnten, nicht noch einmal zu begegnen.

Jedoch begünstigt die in uns ausgebildete Struktur das Wiederholen genau dieses Sich-hilflos-Fühlens: Sie braucht die gefühlte Hilflosigkeit, um die erneute Anwendung des Abhilfe schaffenden Programms zu rechtfertigen und sich selbst zu erhalten. Wir bleiben in unserem Identifiziertsein mit ihr gefangen.

Freischwingende Energie

Immer wieder erhalten wir kurze Einblicke in unsere wahre Natur. Wenn wir zum Beispiel herzlich lachen, reißt der Gedankenstrom ab und wir sind vom gewohnten Wahrnehmen und Empfinden befreit.

Auch bei einem konzentrierten sportlichen Aktivsein wie Drachenfliegen, Klettern etc. sind wir im glücksvollen Augenblick, nennen es Flow und wollen uns dieses erfüllende Glück erneut beschaffen. Wer sein festes Person-Sein schon etwas gelockert hat, bemerkt solche Momente des Freiseins immer öfter. Unser auf die Freiheit hoffendes Denken kann das reine Präsent-Sein allerdings niemals besitzen: Das Denken ist ein Teil des Präsent-Seins und nicht größer als es, sondern vielmehr darin enthalten. Wenn sich die Freiheit verwirklicht hat, kann das Denken dann endlich sein, was es tatsächlich ist: ein nützliches Instrument, mit dem sich die freie Aufmerksamkeit nicht mehr identifiziert.

Dann geschieht freies Menschsein ohne das Empfinden von Person-Sein: spontan, immer aus dem Jetzt, liebevoll, ökonomisch. Und auch während einer Interaktion mit einem klaren „Nein!“ oder „Stopp!“ geht es nicht verloren. Zur Verwirklichung dieses freien Menschseins sind wir angehalten, ein Herz für unser Gefangensein zu haben. Können wir Verdienst und Genialität des eigenen Überlebenskonzeptes würdigen, dann darf es wirklich gewesen sein, wie es war. Entspannung mit der eigenen Lebensgeschichte geschieht und eine neue Freiheit kann sich einstellen. Indem wir uns liebevoll in unserem Beschaffensein – wie immer es auch ist – in die Arme nehmen, schaffen wir Raum in uns, um uns schließlich ernsthaft zu fragen, wer wir wirklich sind – ganz in der Tiefe unter all den Erkenntnissen, Urteilen, Glaubenssätzen verborgen.

Freisein ist immer da

Die sichere Ahnung, dass wir diese freischwingende Energie sind, aus der wir selbst und alles andere hervorgehen, schenkt uns die Kraft, den freien Zugang zum Wahrnehmen und Empfinden dieser Wahrheit in uns auszugraben. Niemals ging das Freisein in uns wirklich verloren – es scheint nur so aufgrund der Summe der frühen Erlebnisse und ihrer Interpretationen. „Gott“ – die Eine Schöpferkraft – ist Aktion und Reaktion. Fühlt und denkt Gott, in der Enge seines Programmiert- Seins etwas schaffen zu müssen, so muss er es schaffen. Fühlt er hingegen Freisein, so wird das freie Menschsein geschehen. Gott – der Urgrund – ist der Fühler und Denker – wer sonst?

Er ist der Energielieferant für alles, was sich auf der Lebensbühne abspielt. Er bringt Gefangenschaft und Freiheit hervor: Er erwacht, wann es ihm gefällt, schimpft bisweilen sogar darüber. Das Sich-Verstecken und Sich-Wiederfinden ist eine One-Man-Show. Noch im Erwachen wettert die Schöpferkraft hin und wieder; und dann ist sie wieder nur verzückt. Das In-der-irdischen-Form-Sein schenkt uns die Möglichkeit, uns zu erinnern, dass wir das ewige Formlose sind. Und es lohnt sich, die Hauptpersönlichkeitsanker zu lichten und aus dem scheinbar sicheren Hafen des vertrauten Erfüllen- Müssens in die Freiheit zu reisen, die reiche Fülle klaren Wahrnehmens und Empfindens zu sein. Wir sind freudvolle Präsenz, still und ewig. Was sonst?

Es ist wunderbar, den alten Boden unter den Füßen zu verlieren – scheinbar schweben wir im von den alten Vorgaben leergefegten Lebensraum –, um uns danach im freien Raum klaren Bewusstseins niederzulassen. Ich Mensch bin nichts anderes als das eine klare Bewusstsein, welches in einen Wahrnehmungsapparat gebettet ist. Und aufgrund meines frühen Erlebens erwerbe ich Wahrnehmungsfilter und werde zu einem Erfahrungsraum, der blinde Fenster besitzt. In der Wahrnehmungsstruktur versuche ich nun, für mehr Klarsicht zu sorgen, was aber unmöglich ist: Die Wahrnehmungsstruktur selbst ist täuschend und letztlich der eigentliche Missstand. Im schrittweisen Sichtbar- und Begreifbarmachen ihres Beschaffenseins lockert sich die Struktur. Und was in der Täuschung gefangen ist, kehrt nach und nach in das klare Wahrnehmen und Empfinden zurück. Die installierten Wahrnehmungsfilter lösen sich auf. Und schließlich sind alle Fenster in meinem Haus wieder blank und frei.

 
 
 
Quelle: https://www.sein.de/innere-freiheit-fluegel-wachsen-von-innen/